Aus den Aachener Nachrichten vom 25. Mai 1950:

 

Als am Perlbach noch die Muschelwächter standen, drohte jedem der Tod am Galgen, der Muscheln fischte. Aber nicht nur die Perlen waren es, die die Perlenau bekannt machten, auch das Hotel.

Wo der kleine, muntere Perlbach sich lustig über die Kiesel und Steine hinwegspringend sein enges Bett bahnt, das Tälchen zwischen Monschau, Kalterherberg und Höfen, ist wohl eine der schönsten und idylischsten Stellen des Venns. Es mag wohl zwei bis drei Jahrhunderte her sein, da man in dem brunnenklaren Wasser des Perlbachs, damals war es noch ein Schwalm, etwas entdeckte, über das bis dahin ebenso achtlos hinweggesehen worden war wie über die Bachkiesel: Muschelbänke.

Wie man zu dieser Entdeckung kam, läßt sich kaum noch sagen. Der Volksmund allerdings erzählt sich eine Mär nach der es ein kleiner Junge gewesen sein soll, der die ersten Perlen fand und damit auch seinem Vater das Leben gerettet haben soll. Und das kam so: Ein geiziger Bauer, der in der ganzen Gegend verrufen war, der seine Dienstleute ebenso wie sein Weib und sein einziges Söhnchen aus Geiz hungern ließ und die Mahlzeiten höchstens durch Schläge zu ersetzen suchte, hatte gegen eines der kurfürstlichen Gesetze verstoßen. Sein Vergehen sollte er durch den Tod am Galgen büßen. Da der Tag der Vollstreckung gekommen war, soll man des Bauern Söhnlein am Ufer der Schwalm sitzend gefunden haben, als es gerade eine Muschel nach der anderen aus dem Wasser zog und jeder dieser Muscheln eine glänzende, schimmernde Perle entnahm. Daraufhin habe man dem Vater die Strafe erlassen.

 

Nach einem Bericht von L. Weber lagerten die kleinen Flußperlmuscheln auf den Sandbänken und an schattigen Stellen der Schwalm so dicht beienander, daß der Boden damit gepflastert zu sein schien. So auch kam es, daß die Schwalm nicht mehr Schwalm sondern Perlbach genannt wurde. Die Perlen sollten von schöner Silberfarbe gewesen sein, oder sich auch im Glanz der Regenbogenfarben gespiegelt haben. Ihre Durchschnittsgröße wird mit 5 Millimetern angegeben. Gelegentlich wurden jedoch auch größere und beachtlich große gefischt.

 

Die Kunde von den Perlenfunden in der Schwalm kam im Jahre 1668 an den Hof des Herzogs Wilhelm von Jülich, der allsogleich seinen Schmucksachverständigen, einen Juden, nach Monschau entsandte. Dem Amtsmann und Schultheiß von Montjoie allerdings wurde zur gleichen Zeit durch die herzoglichen Räte mitgeteilt, er habe dem also entsandten Hofjuden Benedikt Ossenbroch einen oder zwei zuverlässige Christen beizugeben, die unablässig acht darauf haben sollten, daß keine Veruntreuungen vorkämen. So also tat der Schultheiß denn auch.

 

Nun aber wurden auch die bisher geruhsamen Untertanen vom Perlfieber gepackt und nicht nur das. Von überall her kamen Abenteuerlustige, die glaubten, mit den Perlen aus der Schwalm über Nacht reich werden zu können. Dem aber gebot der Herzog bald Einhalt. Er übertrug dem Amtsschultheiß von Monschau die Pflege und Erhaltung der Muschelbänke und beauftragte ihn, besondere Wächter sowohl während des Tages als auch in der Nacht an den Ufern der Schwalm und insbesondere an den erkennbaren Muschelbänken aufzustellen, die jedermann, der dem Wasser eine Muschel zu entnehmen versuchte, zu inhaftieren hatten.

  

Wenig später schon tat der Herzog seinen Untertanen kund, daß jeder, der unbefugterweise sich des Perlfischens betätigte, sein Leben verwirkt habe. Alsobald wurden auch am Anfang und Ende des Perlbachtales große Galgen errichtet, die den Allzulüstigen die Folgen ihres Tuns recht deutlich vor Augen führen sollten. Heute noch gibt es im Hohen Venn verschiedene Gemarkungen, in deren Namen noch der Galgen enthalten ist; so der „Galgenberg“, „Am Gelgen“ oder die „Galgeshöhe“. Ob tatsächlich vom Perlfieber Befallene den Tod am Galgen sterben mußten, wird nicht berichtet. Wohl aber verzeichnete der Chronist, daß wiederholt zum Galgen verurteilte Perlendiebe durch hochherzogliche Gnaden begnadigt wurden und eine gelindere Strafe erhielten.

 

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war es de Berghes Schultheiß von Montjoie, dem die Aufsicht über die Perlfischerei übertragen ward. Besonders schöne und große Perlen, die

de Berghes einlieferte, sollen zu einer Perlenschnur für die letzte Kurfürstin von der Pfalz, der Gemahlin Karl Theodors, verwandt worden sein. In einem Bericht darüber heißt es, diese Perlen hätten durch ihren Umfang, ihre Feinheit und ihre Art an orientalische Perlen erinnert.

In einer Bestätigung Karl Theodors über 36 von de Berghes eingesandte Perlen an die Hofkammer in Düsseldorf heißt es: „Dieses inländische Produkt gereicht uns zu höchstem Wohlgefallen.“ Dennoch scheinen die Ergebnisse der Perlfischerei mit dem Aufwand in keinem Verhältnis gestanden haben, denn schon im Jahre 1811 sagte der französische Präfekt Golbery, daß die Perlfischerei eingegangen sei. Später wurden natürlich noch vereinzelte Perlen gefunden, einer Nachricht aus dem Jahre 1811 zufolge sogar eine, die mehr als dreieinhalb Linien Durchmesser aufwies und nach Paris verkauft wurde.

Auch nachdem Johann Michel Müller, der in Monschau eine Tuchfabrik betrieb, im Jahre 1830 eine Farbholzmühle mit Wollwäscherei in der Perlenau erbaute, sollen sich noch verschiedene Perlen gefunden haben. Seit jener Zeit aber ist der Begriff Perlenau untrennbar mit dem Namen Müller verbunden. Als die Farbholzmühle und Wollwäscherei im Jahre 1880 mit dem Niedergang der Monschauer Tuchindustrie stillgelegt wurde, gründete Max Müller ein Sägewerk in der Perlenau, das bis zum Jahre 1930, da die Kreise Eupen-Malmedy abgetreten wurden, bestand.

Das erste Holz, das Max Müller im Jahre 1880 in seinem Sägewerk geschnitten hatte, wurde zu einem Kreuz verwandt, das heute noch auf einem Felsen in der Perlenau besteht.

Als das Sägewerk im Jahre 1930 stillgelegt werden mußte, gründeten die Brüder Carl und Hugo Müller das Hotel Perlenau, das später, nachdem Hugo Müller an den Folgen einer Kriegsverwundung im Jahre 1934 gestorben war, von Carl Müller, dem heutigen Besitzer der Perlenau, geführt wurde.

Mit der Gründung des Hotels schien man den richtigen Schritt getan zu haben, denn wo sollte der Ausflügler und Erholungssuchende das besser finden, wonach es ihn drängte, als gerade in dem idyllischen Tal des Perlbachs. Hier hatte er alles, was er suchte, Wald und Wasser, Sonne und Luft und Ruhe und Beschaulichkeit.

 

Wenn man in dem Gästebuch des alten Hotel Perlenau blättert, so findet man manch´ “fürnem“ Namen sowohl wie manch andere amüsante Dinge. Da war zum Beispiel der Marquis Strotzki aus Florenz, der auf der Durchreise auf die Perlenau stieß und nur eine Nacht bleiben wollte. Aus der einen Nacht allerdings war dann ein ganzes Vierteljahr geworden. Auch den Doktor Ludwig Mathar finden wir mit einem Bekenntnis in diesem Buch der Gäste: „Hier an des Reiches westlichen Rand, wir Monschauer hielten und halten stand. Hier lacht uns der Himmel noch einmal so blau, so schön die Au, die „Perlenau“. Hier an des Reiches westlicher Mark, wir fühlen uns froh und treu und stark.

  

Graf Emilio allerdings ward anders inspiriert, ihm schienen galante Abenteuer die Perlenau unvergeßlich gemacht zu haben. Er muß in Mondscheinnächten, auf den Wegen über die kleinen Brücken, vielleicht wie´s scheint, Glück und Stolz, wohl aber auch vermischt mit einem Tropfen Wermuth, gefunden zu haben. In´s Gästebuch schrieb er: „Es gibt Frauen, die mehr halten, als sie versprechen dürfen.“ Waltraud Freiin von Nordeck aber war wie beglückt und schrieb´s in´s Buch, was ihr die Perlenau gegeben: „Es gibt Leben, die zerbrachen um einer einzigen Stunde willen, es gibt aber auch Stunden, die entschädigen uns für ein ganzes Leben.

Aus aller Welt kamen die Gäste nach Perlenau, Holländer, Belgier, Franzosen und Engländer trugen sich ins Gästebuch ein. Oben am Weg standen an schönen Sommertagen schier unübersehbare Autokolonnen und dennoch gab es keinen „Massenbetrieb“. Jeder, der irgendetwas ins Gästebuch schrieb, konnte nur loben, loben den Wirt, die Kost, die Geselligkeit so gut wie die Beschaulichkeit. Von gutem Forellenessen ist die Rede, wie vom Forellenangeln im Perlbach. Einer gar behauptet in wenigen Wochen Ferien auf Perlenau, um viele Jahre jünger geworden zu sein, was wunder dann, daß er die „Jungmühle Perlenau“ in den Himmel hebt.

Dann allerdings kam der große Krieg, und damit auch für die Perlenau schwere Zeiten. Nach der Rundstedt-Offensive räumten amerikanische Truppen das Hotel vom Dach bis zum Keller vollkommen aus, was an Möbeln oder Einrichtungsgegenständen hier war, flog durchs Fenster und wurde verbrannt. Der zurückgebliebene Besitzer konnte zusehen. Das Hotel wurde amerikanisches Feldlazarett.

Aber auch die Amerikaner gingen wieder. Das Hotel war verschwunden, das Haus nur stand noch. Aber der Besitzer verlor den Mut nicht, erkannte die Notwendigkeiten der Zeit und schuf ein Sägewerk, in dem er vor allem mit zwei Spezial-Kreissägen Splitterholz schnitt. So mancher holte sich aus der Perlenau sein Holz, um seinem zerstörten Haus ein neues Dach zu geben, oder auch um in der bittersten Kälte den Ofen füttern zu können.

 

Nun ist das Splitterholz wieder aufgebraucht. Die Waldbestände sind gelichtet und die geringen Einschläge geben den vielen alten Sägewerken in der Umgebung nicht mehr genug Arbeit. So entschloß sich der Besitzer des Sägewerkes denn, es aufzugeben und wieder das alte, weltbekannte Hotel Perlenau einzurichten.

 

Bericht : Im März 1987

 

In den fünfziger Jahren erwarb die Familie Dr. Gatzweiler aus Aachen den Besitz, baute das Hotel um und die „Perlenau“ erlebte noch viele schöne und erfolgreiche Jahre. Nun sind seitdem viele Jahre vergangen, ein neuer Umbau wurde notwendig, der mit viel Einsatzbereitschaft aller am Bau beteiligten und mit viel Liebe zum Detail durchgeführt wurde. Bei der Ausstattung wurde viel Wert auf die Verwendung traditioneller und ortstypischer Baumaterialien gelegt. Nun ist es nach mehrjähriger Stillegung endlich wieder soweit: Das Hotel-Restaurant Perlenau ist wieder eröffnet worden. Die Perlenau ist nun wieder gerüstet, ihren Gästen all das geben und bieten zu können, was sie suchen.

 

Übrigens:

Im Hang neben dem Hotel befindet sich ein Doppelkreuz. Das erste wurde 1880 aus dem zuerst gesägten Eichenstamm des Sägewerkes gefertigt, dem 1930 ein aus dem letzten Eichenstamm gezimmertes Kreuz aufgeschraubt wurde. Und: Die oberhalb des Tennisplatzes zu sehende Felsformation diente als Vorlage für das Markenzeichen der Monschauer Felsquell-Brauerei.